„Wir sind große Fans von Dir, Du bist unglaublich tapfer“
RAVENSBURG / NEUKIRCH – Als Isabelle Schreibmüller am 3. Juli 2025 im St. Elisabethen-Klinikum in Ravensburg erfährt, dass ihre sieben Jahre alte Tochter Mila an einem neun Zentimeter großen Lymphdrüsentumor (Burkitt-Lymphom) leidet, hat sie kaum Zeit, darüber nachzudenken, ihre Angst zu fühlen. Alles geht rasend schnell. Oberarzt Dr. Martin Riester, Spezialist für Kinder-Onkologie und -Hämatologie an der Klinik für Kinder und Jugendliche, vermittelt sofort einen Platz an der Uniklinik Tübingen und klärt die Mutter darüber auf, was die Familie nun erwartet. „Burkitt-Lymphome wachen sehr schnell und sind hochmaligne Tumore, die Zellen verdoppeln sich etwa alle 24 Stunden. Die Behandlung erfordert eine sofortige, intensive Chemotherapie, deshalb galt es hier, keine Zeit zu verlieren“, sagt Dr. Riester.
Isabelle Schreibmüller spricht mit ihrem Mann Frank, verabschiedet sich am Telefon von Leo, ihrem vierjährigen Sohn, und bricht gleich darauf mit Mila via Krankentransport nach Tübingen auf. Sie bleibt stark. „Ich habe nicht geweint, nicht zu diesem Zeitpunkt“, erzählt die 35-Jährige sieben Monate danach. „Später ab und an schon. Aber damals habe ich funktioniert. Ich habe alles gegeben, was ich konnte, um positiv zu bleiben. Ich war sogar dankbar – darüber, dass ich nicht nachgegeben hatte, als Mila über Bauchweh klagte, dass ich hartnäckig geblieben war. Wer weiß, was sonst passiert wäre. In diesem Moment hatten wir endlich Gewissheit und wussten, womit wir es zu tun hatten.“ Nachdem Mila, sonst ein lebhaftes, quirliges Mädchen, tagelang matt und müde gewirkt und an einem stark verhärteten Bauch gelitten hatte, war die Mutter zunächst ohne Ergebnis von Arzt zu Arzt gezogen, ehe ihr Hausarzt Dr. Georg Rösch in Bodnegg mittels Ultraschall den Tumor erkannte und Mila ans EK überwies.
Für Frank Schreibmüller, Milas Vater, war die Diagnose zunächst ein Tiefschlag, „als ob mir jemand den Boden unter den Füßen wegzieht“, erklärt er. „Da kam sehr viel hoch in mir, was ich verdrängt hatte. Ich war neun, als meine Mutter an Magen- und Bauchspeichelkrebs starb, als ich 19 war, starb auch mein Vater, ebenfalls an Magenkrebs. Als ich von Milas Krankheit erfuhr, wusste ich, das ist die größtmögliche Katastrophe. Krebs ist der K.o.-Gegner, gegen Krebs hast du keine Chance, das hatte ich als Kind gelernt. Auch wenn uns die Ärzte an der Ravensburger Kinderklinik und in Tübingen sofort Mut gemacht haben, dass der Tumor super auf die Chemotherapie anspricht, auch wenn alle sagten, dass die Chance, dass Mila geheilt wird, über 90 Prozent beträgt, tat ich mir schwer, positiv zu sein“, sagt der 38-Jährige.
Was folgte, war ein fünf Monate langer Wechsel aus Höhen und Tiefen, von Sorge und Hoffnung. Sechs Mal musste sich Mila, die wegen der Infektionsgefahr aus der Grundschule abgemeldet wurde, in Tübingen jeweils sechstägigen Chemotherapien unterziehen. Dazwischen lagen immer zwei Wochen, in denen sie nach Hause durfte und am EK betreut wurde, geplant, aber auch akut, wenn sie Fieberschübe hatte oder Bluttransfusionen benötigte. „Man konnte fast die Uhr danach stellen: Immer am neunten, zehnten Tag bekam Mila Fieber und musste stationär aufgenommen werden. Dass diese Betreuung in der Region möglich ist, war eine Riesen-Erleichterung für uns. Das Team der Spezialambulanzen war immer für uns da und hat uns sehr herzlich aufgenommen“, sagen die Eltern. Auch die Stadt Ravensburg zeigte Empathie: Sie passte Isabelle Schreibmüller Stelle, die in der Ausländerbehörde arbeitet, so an, dass die Mutter überwiegend im Homeoffice arbeiten konnte. Frank Schreibmüller, der selbständig als Fliesenleger und Landwirt arbeitet, reduzierte seine Arbeitszeit extrem, er kümmerte sich zuhause in Neukirch um Leo, während Mila mit ihrer Mama in Tübingen war. „Es war wichtig, dass ich da war“, sagt er. „Ein halbes Jahr war das möglich, länger wäre es schwierig geworden.“
Mila nahm derweil den Kampf an. „Sie war tapfer, fast immer entspannt, auch den Verlust ihrer Haare hat sie relativ gut hingenommen“, erzählt die Mutter. „An der Uniklinik war das relativ einfach, da war sie immer von 20 kleinen Menschen mit dem gleichen Schicksal umgeben. Der Förderverein für krebskranke Kinder im Tübingen organisiert ein tolles Aktivprogramm mit Musik- und Kunsttherapie und vielem mehr, damit die Kinder Ablenkung haben und ihre Lebensfreude behalten. Aber auch hier war Mila mutig. Kürzlich nahm sie ihre Perücke herunter und sagte plötzlich: Ich gehe jetzt ohne Perücke unter die Menschen, ich sehe doch gut aus.“ Nur einmal, kurz nach einer Chemo, sei ihr so schlecht gewesen, dass sie sich beklagt habe. „Mama, ich muss jetzt einfach mal Scheiße sagen!“
Zuhause erfahren die Schreibmüllers eine große Solidarität. Die Lehrerin in der Grundschule erinnert die Kinder immer daran, an die fehlende Mila zu denken. Zwei Mütter von Mitschülern werden durch die Krankheit zu engen Vertrauten von Milas Mama. Auch enge Freunde und die Familie sind für die Schreibmüllers da, auf dem Weihnachtsmarkt in Neuhäusle/Tettnang sammeln alle zusammen für den Förderverein in Tübingen. Wenn die Mutter in Not ist, spricht sie mit ihrer Schwester, „meiner Seelenklempnerin“. Und eines Sonntags kommt sogar Prominenz zu Besuch. Giulia Gwinn, die Spielführerin der Fußball-Nationalmannschaft, die aus Tettnang stammt, hat erfahren, dass in der Nachbarschaft ein krebskrankes Mädchen wohnt. Sie kommt mit ihrem Freund vorbei, im Gepäck ein Trikot des FC Bayern mit persönlicher Widmung. „Ich schicke Dir eine große Portion Mut, ein warmes Lächeln und ganz viel Sonnenschein ins Herz“, schreibt die 26-Jährige auf eine Karte.
Im Dezember und Januar zeigen die Blut- und MRT-Untersuchungen schließlich, dass Mila es geschafft hat. Sie hat den Krebs überwunden, sie gilt als geheilt. „Uns ist ein Stein vom Herzen gefallen. Wir waren einfach nur erleichtert und dankbar“, sagt Isabelle Schreibmüller. Auch Mila kann ihr Glück zeigen. In der Tübinger Kinderklinik gibt es ein Ritual für Kinder, die die Chemotherapie überstanden haben. Sie dürfen an einer Glocke bimmeln und sich ihr Lieblingslied aussuchen. Mila nimmt den Song „Boom Schakkalakka“ von Wincent Weiss und DIKKA, der Text passt zu ihrer Stimmung: „Hol dein allerschönstes Lachen raus. Guck die Sonne, ja, sie macht das auch.“
In der Ravensburger Klinik für Kinder und Jugendliche lässt sich die Spezialambulanz ebenfalls etwas einfallen. Nachdem der Hickman-Katheter – ein spezieller, unter der Haut getunnelter Zentralvenenkatheter – endlich gezogen werden kann, schenkt das Team von Dr. Riester der Kleinen ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Super-Hero“. „Wir sind große Fans von Dir, Du bist unglaublich tapfer“, sagen Denise Lienemann und Sandra Kohl, die Medizinischen Fachangestellten.
Etwa 50 krebs- und leukämiekranke Kinder versorgt die Kinderklinik am EK, die von Chefarzt PD Dr. Andreas Artlich geleitet wird, derzeit in Ravensburg. Etwa jedes 350. Kind erkrankt in Deutschland bis zum 18. Lebensjahr an Krebs, die Heilungschancen steigen stetig an dank medizinischer Fortschritte und digitaler Kinderkrebsregister. Dr. Riester, selbst Vater dreier Kinder, kontrolliert mit seinem Team die kleinen Patienten, die aus einem Umkreis von 60 Kilometern stammen, und übernimmt auch die Nachsorge. „Wir sind zwei Stunden entfernt von den kinderonkologischen Zentren in Tübingen, Stuttgart, Ulm, Freiburg oder Augsburg“, sagt der Oberarzt, „und unterstützen die Familien hier, wo wir nur können. Auch Mila konnten wir zum Glück helfen, sie hatte ein klassisches Burkitt-Lymphom und hat bestens auf die Therapien angesprochen.“
Müssten Eltern von krebskranken Kindern wegen jedem Blutbild ein bis dreimal pro Woche an eine Uniklinik fahren, wären sie zumeist einen ganzen Tag weg von Zuhause und säßen im Auto, während das Kind oft Übelkeit verspürt, erklärt Dr. Riester. Durch die Anlaufstelle in Ravensburg verliere die Familie weniger Zeit, und das Kind bleibe im gewohnten Umfeld. „Das ist eine große Erleichterung. Jede Minute, in der das Kind zuhause ist, ist eine wertvolle Zeit, die auch den Geschwistern und Eltern zugutekommt.“
Wobei Isabelle Schreibmüller heute auch die Augenblicke schätzt, die sie in Tübingen allein mit ihrer Tochter verbrachte. „Wir waren so eng miteinander, haben auch viel gelacht, sind uns so nahe, dass ich die Zeit nicht missen möchte. Wann hat man das schon? Das kommt sicher nie wieder“, sagt die Mutter. Auch Frank Schreibmüller ist dankbar. Diesmal hat sich das Schicksal für das Leben entschieden.






