Katastrophenmedizin braucht Zusammenarbeit

Wenn bei einer Hochwasserkatastrophe ganze Ortschaften evakuiert werden müssen oder bei einem schweren Zugunglück innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Verletzte zu versorgen sind, entscheidet nicht allein die medizinische Kompetenz über den Erfolg eines Rettungseinsatzes. Ebenso wichtig ist, dass Rettungsdienste, Krankenhäuser, Feuerwehr und weitere Einsatzorganisationen eingespielt zusammenarbeiten. Doch wie lässt sich dieses Zusammenspiel auf den Ernstfall vorbereiten? Und was können die Beteiligten aus tatsächlichen Katastropheneinsätzen lernen?
Antworten auf diese Fragen suchten knapp 100 Fachleute aus Rettungsdiensten, Kliniken, Feuerwehr und Bundeswehr beim Ravensburger Tag der Notfall- und Katastrophenmedizin am Samstag, 10. Oktober, im St. Elisabethen-Klinikum Ravensburg. Die Oberschwabenklinik hatte zu der eintägigen Fortbildung eingeladen, um Erfahrungen aus unterschiedlichen Einsatzbereichen zusammenzubringen, voneinander zu lernen und den Austausch zwischen den Organisationen zu fördern.
Wie schwierig es ist, bei einer großflächigen Katastrophe den Überblick zu behalten und rechtzeitig die richtigen Entscheidungen zu treffen, zeigte Dr. Marc-Michael Ventzke, Oberarzt am Westallgäu-Klinikum Wangen. Er berichtete von der Hochwasserkatastrophe 2024 im Landkreis Günzburg, bei der er selbst als Leitender Notarzt im Einsatz war. Für sein außergewöhnliches Engagement im Rettungswesen und Katastrophenschutz wurde er Anfang 2026 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Überflutete Straßen, beeinträchtigte Infrastruktur und schwer einschätzbare Wasserstände erschwerten die Rettungsarbeiten. Besonders anspruchsvoll war die Evakuierung pflegebedürftiger Menschen, darunter Patienten, die auf intensive Betreuung oder künstliche Beatmung angewiesen waren. Zugleich veränderte sich die Lage ständig: Rettungswege konnten unpassierbar werden, neue Gefahren entstanden und Einsatzkräfte mussten an unterschiedlichen Orten gleichzeitig handeln. Ventzke machte deutlich, wie wichtig unter solchen Bedingungen ein verlässliches Lagebild, klare Führungsstrukturen und frühzeitige Entscheidungen sind. Seine Erfahrungen zeigten auch, dass sich eine Katastrophe nicht in allen Einzelheiten vorhersehen lässt – umso wichtiger ist es, Abläufe vorzubereiten und auf unerwartete Entwicklungen reagieren zu können.
Einen ganz anderen Großeinsatz schilderte Thomas Neugebauer, Leiter Rettungsdienst und stellvertretender Kreisgeschäftsführer des BRK-Kreisverbandes Rosenheim. Beim schweren Zugunglück von Bad Aibling im Jahr 2016 war er selbst als Einsatzleiter Rettungsdienst im Einsatz. Bei dem Frontalzusammenstoß zweier Regionalzüge starben zwölf Menschen, zahlreiche weitere wurden verletzt. Die Rettungsarbeiten stellten die Einsatzkräfte vor außergewöhnliche Herausforderungen: Die Unglücksstelle war schwer zugänglich, viele Fahrgäste waren in den zerstörten Waggons eingeklemmt. Schwerverletzte mussten teilweise mithilfe von Hubschraubern und Seilwinden geborgen werden.
Neugebauer schilderte, wie die Rettungskräfte den Großeinsatz organisierten. Entscheidend waren klar abgegrenzte Einsatzabschnitte, eindeutige Zuständigkeiten und die enge Abstimmung zwischen Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei und Luftrettung. Besonders beeindruckend war die große Hilfsbereitschaft über die Landesgrenze hinweg: Aus dem benachbarten Tirol kam umfangreiche Unterstützung mit Rettungsmitteln. Dass die grenzüberschreitende Zusammenarbeit funktionierte, führte Neugebauer auch auf regelmäßige gemeinsame Übungen und gewachsene persönliche Kontakte zurück. Sein Fazit aus dem Einsatz: Wer im Ernstfall zusammenarbeiten muss, sollte sich möglichst schon vorher kennen. Dazu gehört auch, Fehler offen anzusprechen und gemeinsam daraus zu lernen.
Dass die Vorbereitung auf außergewöhnliche Schadenslagen bereits im Krankenhausalltag beginnt, zeigte Dr. Alexander Pohle, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am St. Elisabethen-Klinikum Ravensburg. Er beschäftigte sich mit der Frage, wie Notaufnahmen auch bei stark steigenden Patientenzahlen leistungsfähig bleiben können. Denn die Fähigkeit, in außergewöhnlichen Situationen zusätzliche Patienten zu versorgen, hängt wesentlich von funktionierenden Abläufen und verfügbaren Kapazitäten im gesamten Krankenhaus ab.
Wie stark die Anforderungen an die Notfallversorgung inzwischen gestiegen sind, verdeutlichte Pohle anhand aktueller Zahlen aus Ravensburg. In Spitzenzeiten werden in der dortigen Zentralen Notaufnahme bis zu 70 Patientinnen und Patienten gleichzeitig betreut. Entscheidend sei deshalb nicht allein die Ausstattung der Notaufnahme, sondern auch das reibungslose Zusammenspiel mit den Fachkliniken – etwa bei der Aufnahme und Verlegung von Patienten.
Auf die gestiegenen Anforderungen hat die Oberschwabenklinik am St. Elisabethen-Klinikum Ravensburg reagiert und die dortige Zentrale Notaufnahme zum 1. Oktober räumlich erweitert. Zusätzliche Überwachungsplätze und zunächst zehn Betten für die stationäre Behandlung schaffen mehr Möglichkeiten für die Patientenversorgung. Zugleich werden organisatorische Abläufe weiterentwickelt, um die vorhandenen Kapazitäten noch besser zu nutzen.
Das weitere Programm verdeutlichte die große Bandbreite der Notfall- und Katastrophenmedizin. In drei parallel angebotenen Workshops ging es um die besonderen Anforderungen der alpinen Luftrettung mit Dr. Johannes Hägele, um die traumaassoziierte Koagulopathie – eine schwere Störung der Blutgerinnung nach Verletzungen – mit Prof. Dr. Andreas Straub sowie um die klinische Krisenintervention mit Martin Schniertshauer und Georg Roth. Dabei stand die psychosoziale Unterstützung von Betroffenen und Einsatzkräften in außergewöhnlichen Belastungssituationen im Mittelpunkt.
Einen weiteren Schwerpunkt bildete der Vortrag von Leutnant Marcus Herm zum Thema „Taktische Medizin im Wandel – Transformation zur Landes- und Bündnisverteidigung“. Er widmete sich den veränderten Anforderungen an die medizinische Versorgung im militärischen Kontext und damit einem Thema, das angesichts der aktuellen sicherheitspolitischen Entwicklungen zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Für Prof. Dr. Andreas Straub, Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin am St. Elisabethen-Klinikum Ravensburg und Organisator der Veranstaltung, fiel die Bilanz positiv aus: „Es ist uns gelungen, Fachleute aus ganz unterschiedlichen Bereichen miteinander ins Gespräch zu bringen. Die Vorträge haben eindrucksvoll gezeigt, warum dieser Austausch so wichtig ist: Im Ernstfall müssen viele Beteiligte unter großem Zeitdruck gemeinsam handeln. Dafür müssen wir die Arbeitsweisen und Herausforderungen der anderen kennen. Genau dazu hat unser Tag der Notfall- und Katastrophenmedizin einen wichtigen Beitrag geleistet.“