„Es wird höchste Zeit, dass wir uns auf den Ernstfall vorbereiten“

Generalarzt Prof. Dr. Benedikt Friemert, Ärztlicher Direktor und Kommandeur des Bundeswehrkrankenhauses Ulm, hat im St. Elisabethen-Klinikum über die nationale Gesundheitsversorgung im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung referiert. Rund 170 Ärztinnen und Ärzte aus der Region nahmen an der Veranstaltung der Kreisärzteschaft teil. Eingeladen hatte Prof. Dr. Florian Seeger, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II, Kardiologie und Internistische Intensivmedizin am EK und Fortbildungsbeauftragter der Kreisärzteschaft.
Prof. Friemert, früherer Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, hat zwölf Auslandseinsätze in Krisen- und Kriegsgebieten hinter sich – auf dem Balkan, in Afghanistan, am Horn von Afrika und in Mali. Eindringlich machte der 62-Jährige auf die Herausforderungen aufmerksam, vor denen das Gesundheitswesen im Ernstfall stehen würde: Situationen mit fehlender Infrastruktur, eingeschränkter Versorgung und einer großen Anzahl an Schwerverletzten. Die Ukraine etwa habe seit dem Beginn der russischen Überfälle vor vier Jahren insgesamt 400 000 Verletzte zu beklagen respektive 300 Verletzte pro Kriegstag. Insgesamt seien 100 000 Ukrainer von Amputationen betroffen.
In seinem Vortrag skizzierte Prof. Friemert zunächst ausführlich und kritisch die veränderte politische Weltlage sowie die daraus resultierenden Aufgaben der Bundeswehr, nämlich Land, Menschen und Infrastruktur zu verteidigen. Mit Blick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die neue sicherheitspolitische Lage in Europa betonte er die Bedeutung einer resilienten Gesundheitsversorgung und von klaren Strukturen und Zuständigkeiten. Ziel müsse es sein, die medizinische Versorgung der Bevölkerung auch unter schwierigen Bedingungen zuverlässig aufrechterhalten zu können. „Es wird höchste Zeit, dass wir uns auf den Ernstfall vorbereiten“, sagte er.
Die Frage, wie sich Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen in Deutschland auf den Verteidigungsfall vorbereiten können, treibt Prof. Friemert um. Dringend nötig sei ein Masterplan, ein übergeordneter Versorgungs- und Krisenplan, der aus den Reihen der nationalen Politik kommen müsse, sagte der Generalarzt und machte deutlich, dass ein Krieg das gesamte Gesundheitssystem über lange Zeiträume massiv belasten würde. Kliniken müssten dann nicht nur die reguläre Versorgung sicherstellen, sondern gleichzeitig eine hohe Zahl zusätzlicher Verletzter behandeln. Flüchtlingsbewegungen würden das Szenario noch verschärfen.
Der Kommandeur des Ulmer Bundeswehrkrankenhauses betonte, wie wichtig eine enge Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr, Politik, Kliniken und niedergelassenen Ärzten sei. Deutschland brauche klare Strukturen, Zuständigkeiten und Konzepte, um die medizinische Versorgung auch unter schwersten Bedingungen aufrechterhalten zu können.
Gleichzeitig rief Prof. Friemert die Krankenhäuser dazu auf, sich bereits heute mit den möglichen Szenarien auseinanderzusetzen. Dazu gehörten unter anderem die Überprüfung von Notfallkapazitäten, Medikamenten- und Blutreserven sowie die Frage, wie medizinische Versorgung auch bei Ausfällen von Infrastruktur organisiert werden könne – etwa in den Kellern von Krankenhäusern, wie in der Ukraine inzwischen üblich.
Die Veranstaltung stieß bei den Ärzten auf großes Interesse und regte zu intensiven Gesprächen an. Der Abend im St. Elisabethen-Klinikum machte deutlich, welche zentrale Rolle Zentralversorger wie die OSK im regionalen Gesundheitsnetzwerk spielen – auch mit Blick auf mögliche Krisensituationen.