Dr. Fischer: „In der Krebsvorsorge zählt jeder Schritt hin zu einem gesünderen Leben“

Im Bild von links nach rechts: Carmen Zwerger (Krebsberatungsstelle), Rauchfrei-Trainerin Evelyne Stumpp, Ernährungstherapeutin Michelle Götz, Oberärztin Dr. Andera Salama Müller (Leiterin des Ernährungsteams), Ernährungstherapeutin Klara Steiner, MammaCare-Trainerin Michelle Lingg, Regina Hartinger (Krebsberatungsstelle), Jennifer Bentele (Onkologische Trainings- und Sporttherapeutin) sowie Dr. Gerhard Fischer, Leiter des Onkologischen Zentrums der OSK.
RAVENSBURG – Krebs ist in Deutschland die zweithäufigste Todesursache hinter Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mehr als jeder zweite Mensch erkrankt in seinem Leben daran, pro Jahr gibt es eine Viertelmillion Krebstote, obwohl sich Früherkennung, Heilungschancen und Therapien stetig verbessern. Doch wie kann man das Risiko, daran zu erkranken, verringern? Darüber sprachen sechs Experten des Onkologischen Zentrums kürzlich vor 170 Zuhörern am St. Elisabethen-Klinikum in Ravensburg.
Dr. Gerhard Fischer, Leiter des Onkologischen Zentrums und Leitender Oberarzt der Klinik für Innere Medizin I, referierte über Vorbeugung und Vorsorge aus medizinischer Sicht. „Prävention, also das Verhindern, dass eine Krebserkrankung entsteht, ersetzt jede Therapie. Auch wenn ein individuelles Risiko immer existieren wird, wären laut Studie der Weltgesundheitsorganisation 40 Prozent aller Krebsfälle auf dieser Welt vermeidbar, würden sich alle Menschen und die Gesellschaft an die einschlägigen Empfehlungen halten und einen gesünderen Lebensstil pflegen“, sagte Dr. Fischer. Die Anti-Krebs-Liste der WHO umfasse 14 Ratschläge: a) Nicht rauchen, b) Für eine rauchfreie Umgebung sorgen, c) Gesundes Körpergewicht, d) Gesunde Ernährung e) Nicht zu viel essen, f) Zucker und Zuckergetränke vermeiden, g) Verarbeitetes Fleisch meiden, h) Alkohol meiden, i) UV-Schutz, j) Arbeitsplatzschutz, k) Radon-Schutz, l) Stillen, m) Hormonersatztherapien meiden, n) Vorsorgeuntersuchungen. Zu letzteren gehört zum Beispiel ein Hautkrebs-Screening alle zwei Jahre ab dem Alter von 35 oder Darmspiegelungen ab dem Alter von 50 Jahren neben der empfohlenen urologischen respektive gynäkologischen Vorsorge.
„Je früher Krebserkrankungen erkannt werden, desto besser können sie geheilt werden“, sagt Dr. Fischer, der das Rauchen als Risikofaktor Nr. 1 bezeichnet. Aber auch die 13 anderen Gefahren seien nicht geringzuschätzen, etwa der UV-Schutz: „Wer als Kind zu vielen UV-Strahlen und Sonnenbränden ausgesetzt war, wird diese Gefahr lebenslang in seinen Genen mittragen. Deshalb sollte man Kinder unbedingt vor zu viel Sonne schützen.“
Schützen sollte man sich auch vor den zuckersüß-salzigen und ungesunden Verheißungen der Lebensmittelindustrie, erklärte Klara Steiner, Diätassistentin im Ernährungstherapie-Team (Nutrition Support Team) der OSK. Dr. Andera Salama-Müller, Oberärztin der Inneren Medizin I, die das Team mit Prof. Dr. Karolin Thiel, Chefärztin der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, leitet, bezifferte die möglichen Auswirkungen: „Etwa jeder dritte Krebsfall in den westlichen Industrieländern ist laut WHO auf ungünstige Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten zurückzuführen, also Ursachen, die jeder individuell beeinflussen und ändern könnte.“ Das Deutsche Krebsforschungszentrum DKFZ habe in einer Studie die möglichen Folgen konkretisiert. Drei Prozent der Krebsfälle gehen demnach auf fehlende Ballaststoffe zurück, je zwei Prozent auf mangelndem Verzehr von Obst und Gemüse respektive zu hohem Konsum von verarbeitetem Fleisch, neun Prozent auf Übergewicht.
Klara Steiner präsentierte ein Beispiel, wie ein optimaler Tag mit 30 Gramm Ballaststoffen aussieht, und auch zum Thema Alkohol haben die Ernährungsexpertinnen der OSK eine klare Meinung: „Es gibt keine sichere risikoarme Alkoholmenge, auch nicht das berühmte Glas Rotwein am Abend“, erläuterte sie. „Alkohol ist ein Zellgift, das viele Funktionen in unserem Körper schädigt.“ Und Folgen hat: Ein zu hoher Alkohol-Konsum kostet Männern laut einer DKFZ-Studie im Schnitt 3 Lebensjahre, ebenso massives Übergewicht. Wer stark raucht, verliert gleich 9,4 Lebensjahre.
Über das Rauchen, häufig eine Suchterkrankung, an der etwa 25 Prozent aller Deutschen leiden und die 130.000 Menschen pro Jahr vorzeitig das Leben kostet, referierte Evelyne Stumpp, zertifizierte Rauchfrei-Trainerin, Pflegefachfrau und Projektleiterin am ZfP in Weissenau – und nahm dabei die Ärzte in die Pflicht. „Nur vier Prozent aller Raucher erhalten laut Debra-Studie beim Arzt eine Kurzberatung zur Tabakentwöhnung und ein Therapieangebot. Das ist entschieden zu wenig, denn es gehört zu den zwingenden Aufgaben eines medizinischen Berufs. Hinzu kommt, dass Nikotin wissenschaftlich belegt ein weitaus höheres Suchtpotenzial hat als Kokain, Heroin, THC oder Alkohol. Zwei von drei Menschen, die mit dem Rauchen beginnen, werden süchtig“, sagt Evelyne Stumpp. Das Aufhören sei nicht einfach. „Alle Veränderungen eines jahrelang eingeübten menschlichen Verhaltens sind extrem komplex. Man darf sich auch professionelle Unterstützung zur Vorbereitung und Aufrechterhaltung einer Nikotinabstinenz gönnen, dieser Prozess kann persönlich sehr bereichernd sein.“
Dass Sport und Bewegung gewaltige Faktoren in der Krebsprävention sind, erläuterte Jennifer Bentele. „Eigentlich ist der Mensch darauf geeicht, sich täglich zehn Kilometer zu bewegen. Unflexibles Sitzen zu Hause oder vor dem Bildschirm am Arbeitsplatz stellt wahrlich das glatte Gegenteil der biologischen Auslegung dar. Das heutige Verhalten bringt sehr häufig mittel- und langfristig gesundheitliche Probleme mit sich“, sagt die Onkologische Trainings- und Sporttherapeutin, die auch Rehasport für Krebspatienten anbietet. Regelmäßige Bewegung – mindestens 150 bis 300 Minuten pro Woche – habe zahllose Vorteile für fast alle Funktionen und in fast allen Zuständen unseres Körpers, sagt Bentele. Bewegung wirke unter anderem entzündungshemmend, blutdrucksenkend, stärke das Immunsystem und stimuliere Psyche und Resilienz: als Stimmungsaufheller, Stress- und Angstkiller oder für besseren Schlaf.
Dr. Gerhard Fischer, Leiter des Onkologischen Zentrums, rief dazu auf, die Empfehlungen als Ansporn, als Inspiration, nicht als Zwang zu empfinden. „Kein Mensch ist perfekt und wird jede einzelne dieser Verhaltensregeln minutiös einhalten können“, resümierte er. „Aber auch jeder kleine Schritt hin zu einem gesünderen Leben zählt.“
Besonderheit MammaCare®-Training:
Zur Krebsvorsorge gehört übrigens auch, wachsam zu sein, seinen Körper zu kennen, zu fühlen, wenn etwas nicht stimmt – etwa durch eine Brustselbstuntersuchung Knoten in der Brust und damit Brustkrebs im Frühstadium zu erkennen. MammaCare®-Trainerin Michelle Lingg, onkologische Fachpflegekraft an der OSK, informierte über die MammaCare®-Methode, bei der Frauen lernen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und die Untersuchung systematisch, sicher und eigenständig durchzuführen – als sinnvolle Ergänzung zur ärztlichen Vorsorge.