(kk)
Die Bilder von dem verheerenden Erdbeben in Haiti im Januar sind noch in allen Köpfen. In Léogâne lag das Epizentrum. Die Ortschaft ist fast vollkommen zerstört. Die Menschen dort benötigen Wochen nach der Katastrophe immer noch ärztliche Hilfe. Jörg Fimpeler, Assistenzarzt am EK in Ravensburg, ist einer, der vor Ort den Menschen geholfen hat. Fünf Wochen war er in Léogâne im Einsatz. „In erster Linie haben wir Nachsorge geleistet. Doch auch viele akute Operationen haben wir vorgenommen“, so der Arzt. Ein straffes Programm hatte das internationale OP-Team jeden Tag zu absolvieren. Von morgens um halb Acht bis abends wurde operiert. Dazu kamen Notfälle und die nächtliche Rufbereitschaft. Viele Verletzungen müssen nachoperiert werden, die Wunden nach Amputationen versorgt werden und Verbände gewechselt werden. Krankengymnasten müssen, wie alle, improvisieren. Ein altes Fahrrad, das auf einen Ständer geschweißt ist, fungiert als Fahrradergometer.
Als Operationssaal dient ein Zelt. Das ganze Krankenhaus gleicht einer Zeltstadt, die auf erdigen Boden steht. „Bei Regen haben wir knöcheltief im Morast gestanden“, erinnert sich Fimpeler. Bei Temperaturen über 30 Grad ist die Infektions- oder gar Seuchengefahr sehr hoch. Frisches Trinkwasser und ein funktionierendes Abwassersystem sind wichtig. Für die bevorstehende Regenzeit wurde schon vorgesorgt. „Auf dem Gelände wurde der Boden betoniert und aus Kies Sickerbereiche für den Regen geschaffen“, erklärt Fimpeler.
Die ärztliche und medizinische Versorgung war schon in der Vergangenheit desolat. Außer ein paar Voodoo-Heilern, die ihren Zauber zelebrieren, gibt es kaum einheimische Ärzte. Ohne das Engagement der Hilfsorganisationen und Menschen wie Jörg Fimpeler müssten viele sterben. „Das Schlimme daran ist, dass viele Krankheiten leicht zu behandeln wären. Doch fehlt die Infrastruktur“, sagt Fimpeler. 50 bis 60 Geburten pro Woche hat das Ärzteteam vorgenommen. Bei etwa 15 bis 20 Prozent war ein Kaiserschnitt notwendig. „Das ist die ganz normale Quote. Aber für die Frauen gäbe es ohne uns keine Anlaufstelle“, so Fimpeler. Häufig müssen Abszesse behandelt werden. Schon leichte Verletzungen können dazu führen, wenn die hygienischen Umstände nicht passen. Auch Verbrennungen sind nicht selten, vor allen Dingen bei kleinen Kindern. Da an offenen Feuerstellen gekocht wird, stoßen spielende Kinder mitunter den Topf um und verbrühen sich oder fallen in die offene Flamme.
Es ist bereits Fimpelers vierter Einsatz für Ärzte ohne Grenzen. In Liberia, im Irak und in der Demokratischen Republik Kongo hat er schon Hilfe geleistet. Fimpeler sieht sein Engagement realistisch: „Ich weiß, dass ich die Situation in wenigen Wochen nicht grundlegend ändern kann. Aber ich kann doch einigen Menschen helfen, die sonst vielleicht gestorben wären. Und das gibt mir die Motivation für den nächsten Einsatz.“ Fimpeler arbeitet zu 75 Prozent im EK. Sein Arbeitszeitmodell sieht vor, dass er neun Monate voll arbeitet und dann drei Monate für Ärzte ohne Grenzen zur Verfügung steht. Für Haiti hat er bezahlten Sonderurlaub von der Geschäftsführung der OSK erhalten. Nach dem Erdbeben haben die Geschäftsführerin Dr. Elizabeth Harrison und Dr. med. Jan-Ove Faust, Direktor Medizin und Behandlung, die Mitarbeiter der OSK motiviert, sich in Hilfsprojekten zu engagieren. Die Kollegen von Jörg Fimpeler haben ohne zu zögern seine Schichten übernommen und so seinen Einsatz ermöglicht. „Die Bilder von den Menschen in Haiti haben uns zutiefst bewegt. Für uns ist es selbstverständlich, die Menschen zu unterstützen. Wir danken Jörg Fimpeler für sein Engagement“, so Dr. Faust.